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Grußwort: Internationaler Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“ am 15. November 2016 in Königs Wusterhausen

„Sehr geehrte Herren Starke, Wille und Dr. Franzke,
liebe Gleichstellungsbeauftragte,
sehr geehrte Frau Rumpel, sehr geehrte Frau Ziems,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ein Jahr ist vergangen seit wir gemeinsam hier in Königs Wusterhausen am Internationalen Tag „Nein - zu Gewalt an Frauen“ ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen gesetzt haben. Ich danke Ihnen für die erneute Einladung, der ich aus gutem Grund sehr gern wieder gefolgt bin: das Thema Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor hochaktuell und wir dürfen nicht aufhören, darüber zu sprechen und den Finger in die Wunde zu legen.

Warum? Vielleicht machen zwei Zitate von betroffenen Kindern das Problem greifbar(er):

„Er hat mir immer mit Schlägen gedroht. Vor den Augen habe ich immer Angst gehabt. Und wenn ich ihn angesehen habe, habe ich Angst gekriegt vor ihm, auch wenn er nichts getan hat.“ (Anna, 14)

„Die Schläge, die meine Mama bekam, spürte ich in meinem Bauch…das machte mich traurig und ich bekam Angst.“ (Amela, 12).

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Gewalt gegen Frauen (und Kinder) hat viele Gesichter und nicht alle sind immer auf den ersten Blick auch als Gewaltfacetten zu erkennen. Da gibt es körperliche Gewalt, wie Schlagen, Treten, An-den-Haaren-Ziehen, Vorenthalten von Nahrung oder Schlafentzug. Es gibt die psychische Gewalt, wie Drohung, Nötigung, Belästigung, Terrorisierung, Angstmachen, Stalking, Beleidigung oder Erzeugen von Abhängigkeitsverhältnissen. Und es gibt die sexualisierte Gewalt, wie Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und sexualisierte Belästigungen.

Allen Formen von Gewalt gemeinsam ist, dass sie Folgen für die Opfer haben - körperlich wie seelisch. Oft mögen die körperlichen Wunden schnell verheilen, die seelischen Wunden brauchen nicht selten Jahre, um sich zu schließen. Narben bleiben in jedem Fall.

Für das Umfeld und für diejenigen, die Schutz vor Gewalt gewährleisten sollen und wollen ist es nicht immer leicht, Gewalt in ihren verschiedenen Formen und Ausprägungen zu erkennen. Ganz besonders gilt das für psychische und sexualisierte Gewalt. Da hilft nur, die eigene Beobachtungsgabe zu schulen und ebenso aufmerksam wie sensibel zu sein. Anzeichen wie Rückzug, Schweigsamwerden, Bedrücktheit, Verschlossenheit, Ängstlichkeit, oder Lethargie sind mögliche Alarmsignale, die es zu beachten gilt. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Frauen verschieden sind und dementsprechend unterschiedlich mit dem Erlebten umgehen. Nicht selten ist es ein langer Weg bis zum ersten Schritt raus aus der Gewaltspirale. Gedanken wie „Es ist meine Schuld. Ich habe ihn provoziert.“ oder „Ich werde ihn verlassen. Ich warte nur noch, bis…“ werden all denjenigen unter Ihnen bekannt vorkommen, die mit von Gewalt betroffenen Frauen arbeiten. 

Leider vergeht in unserem Bundesland kaum ein Tag, an dem die Polizei nicht zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen wird. Die aktuellen Zahlen aus dem polizeilichen Lagebericht zur häuslichen Gewalt 2015 belegen das eindrücklich: so wurden insgesamt 4.069 Fälle erfasst - 23 Fälle mehr als im Jahr davor. Auch im Landkreis Dahme-Spreewald hat die Zahl der erfassten Fälle zugenommen: sie stieg um ganze 7 % - von 268 Fällen im Jahr 2014 auf 287 Fälle im Jahr 2015. Damit weist der Landkreis höhere Fallzahlen häuslicher Gewalt auf, als der Landesdurchschnitt.

Die Polizei rückte insgesamt  300 Mal häufiger als 2014 zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt aus, nämlich 1.892 Mal. Auch die Zahl der Opfer nimmt nicht ab, sondern zu: während im Jahr 2014 noch 3.873 Geschädigte registriert worden sind, waren es im Jahr 2015 schon 3.971.

Nach wie vor sind über 75 % der Geschädigten weiblich und der weitaus größte Teil der Straftaten wird im gemeinsamen Haushalt und in Partnerschaften begangen. Dabei müssen wir eins bedenken: nicht mitgezählt wurden all die Straftaten, die gar nicht erst zur Anzeige gelangt sind. Wir müssen noch immer davon ausgehen, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. Das was wir sehen, ist also nicht die ganze erschreckende Wahrheit. Das verwundert auch nicht. Viele Frauen befinden sich in einer emotionalen, psychischen oder finanziellen Abhängigkeit zu ihrem Peiniger. Sie trauen sich ein Leben ohne ihn nicht zu, sie denken, dass ihnen nicht geglaubt wird, und so fehlt ihnen schlichtweg der Mut zu handeln - sich zu wehren.

Hier ist es an uns allen, Männern wie Frauen, ihnen immer wieder Mut zu machen, sie ernst zu nehmen und ihnen zu verdeutlichen, dass niemand das Recht hat, sie zu schlagen, zu belästigen oder zu demütigen. Frauen mit Gewalterfahrung brauchen sicheren Halt, schützende Netzwerke und gute Unterstützung.

Das bieten zunächst die brandenburgischen Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen und Zufluchtswohnungen. 542 Frauen und 591 Kinder fanden im Jahr 2015  Schutz in einem Frauenhaus und erhielten qualifizierte Hilfe durch Beratung und Begleitung. Betrachten wir den Landkreis Dahme-Spreewald, so heißt das: im Jahr 2015 wurden 32 Frauen und 31 Kinder in einem Frauenhaus aufgenommen.

Dabei stellen Alter, Religion oder auch Herkunft, sozialer Status oder die Art von erlittener Gewalt keine einschränkenden Aufnahmekriterien dar. Das heißt, die Frauenhäuser in Brandenburg sind also für alle Frauen offen. Das gilt natürlich grundsätzlich auch für ältere Frauen oder für Frauen mit Behinderungen, die noch einmal mehr Gewalt erleiden, wie wir wissen. Ich würde mich freuen, wenn auch das Frauenhaus in Ihrem Landkreis demnächst barrierefrei zugänglich wäre und bedanke mich dabei für die Unterstützung des Landkreises. Sie helfen mit Ihrem Engagement Frauen in schlimmen Lebenssituationen!

Darüber hinaus bieten die Frauenhäuser aber auch Beratung und Hilfestellung in Notlagen für Frauen, die nicht in ein Frauenhaus gehen wollen. Im Jahr 2015 nahmen in Brandenburg 2994 Frauen dieses Angebot in Anspruch. Im Landkreis Dahme-Spreewald waren das immerhin 285 Frauen.

Wer dagegen anonym und unverbindlich Rat suchen und über erlittene Gewalt sprechen möchte, oder wer den Verdacht hat, dass sich in seinem oder ihrem Umfeld Gewalt ereignet und nicht weiß, was zu tun ist, kann das bundesweite Hilfetelefon anrufen oder die Online-Beratung nutzen - 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Dieses Angebot ist in 15 Sprachen zugänglich.

Und der Bedarf dafür ist da - sind Frauen mit Migrationshintergrund, insbesondere geflüchtete Frauen, doch eine Personengruppe, der wir in Sachen Gewaltschutz zunehmend Aufmerksamkeit widmen müssen.

Die Landesintegrationsbeauftragte und ich beschäftigen uns mit Fragen der Gewalt gegen geflüchtete Frauen in einer Arbeitsgruppe des Landesintegrationsbeirates. Gerade letzte Woche haben wir in Potsdam dazu eine Konferenz durchgeführt und uns über gute Beispiele der Gewaltprävention im Land ausgetauscht. Auch der Landkreis Dahme-Spreewald war in Person von Frau Müller vertreten, die den über 120 Teilnehmenden die hier im Landkreis entwickelte Heim-Ampel präsentierte. Außerdem ist das gemeinsame Präventionsprojekt „Sicheres Flüchtlingsheim“ des Landkreises Dahme-Spreewald, der Polizeiinspektion Dahme-Spreewald und des Amtsgerichts Königs Wusterhausen vom Bundesministerium des Innern für den Förderpreis „Helfende Hand“ nominiert. Die Preisverleihung findet am 28.11. statt, ich bin sehr gespannt!

Hier im Landkreis passiert also viel Gutes und das finde ich toll!

Im Land haben wir außerdem eine Handreichung „Gewaltschutz für Frauen in Flüchtlingsunterkünften“ erarbeitet, mit der über Gewalt gegen Frauen informiert wird und Empfehlungen ausgesprochen werden, wie Gewalt verhindert und mit ihr umgegangen werden kann. Wer mag, kann die Broschüre gern bei mir bestellen.

Und weil auch geflüchtete Frauen Zuflucht in den Frauenhäusern Brandenburgs finden können, damit aber viele neue Fragen und Aufgaben entstehen, haben wir zum 01.07.2016 eine Koordinierungsstelle für von Gewalt betroffene Flüchtlingsfrauen eingerichtet. Diese soll Unterkünfte, Ausländerbehörden, Träger und natürlich die Frauenhäuser zum Gewaltschutz für geflüchtete Frauen beraten.

Die Landesregierung hat im September einen neuen Landesaktionsplan "Keine Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder" verabschiedet. In ihm werden drei Ziele vorgegeben: „durch Prävention Gewalt verhindern“, „wirksame Unterstützungsstrukturen erhalten und weiterentwickeln“ sowie „Akteure des Hilfesystems stärken und stützen“. Um diese Themen werden wir uns jetzt kümmern. Ich würde mir wünschen, wenn die Umsetzung auch im engen Kontakt mit den Kommunen geschieht. Vielleicht reden wir beispielsweise über die Einrichtung einer Anlaufstelle für die vom Land geförderte vertrauliche Spurensicherung im Landkreis? Oder wie wäre es mit einem Aktionstag gegen Gewalt im Sport im Landkreis? Das wäre doch was und ich unterstütze Sie gern!

Sie sehen also, meine sehr verehrten Damen und Herren, das Land Brandenburg nimmt das Thema Gewalt gegen Frauen sehr ernst. Ebenso der Landkreis. Denn wir müssen häusliche Gewalt eindämmen, sonst setzt sie sich immer weiter fort. Kinder werden auch durch das bloße Miterleben von Gewalt geschädigt. Das geht uns alle an!

Glücklicherweise ist das auch bis auf die Bundesebene durchgedrungen, so dass  in diesem Jahr nach langen und kräftezehrenden Diskussionen endlich eine Verschärfung des Sexualstrafrechts erreicht werden konnte. „Nein heißt nein!“  - Das gilt seit nun etwa zwei Wochen, seit das Gesetz in Kraft trat. Ein großer Schritt in die richtige Richtung, weil damit klar ist, dass Gewalt in welcher Form auch immer, verboten ist. Vielleicht helfen die Diskussionen um dieses Gesetz auch, den betroffenen Frauen Mut zu machen - und damit wäre schon viel gewonnen.

Lassen Sie mich noch die Gelegenheit nutzen und dem Landkreis und der Stadt Königs Wusterhausen für die zahlreichen Aktivitäten (einige habe ich genannt) und nicht zuletzt für die finanzielle Unterstützung im Bereich des Gewaltschutzes zu danken. Vielen Dank auch für die Organisation der heutigen Veranstaltung.

Ich möchte mich auch bei den Mitarbeiterinnen im Frauenhaus bedanken, die rund um die Uhr, z.B. auch an Weihnachten, erreichbar sind und eine belastende, aber viel zu oft lebensrettende Arbeit leisten. Und ich möchte mich bei der Polizei bedanken, die nach meiner Erfahrung sehr sensibel, aber auch entschlossen, gegen häusliche Gewalt vorgeht. Ihnen allen gilt mein tief empfundener Dank!

Es ist an uns allen, Gewalt nicht hinzunehmen und nicht wegzusehen. Sondern das Verborgene sichtbar zu machen, anzuprangern, hinzusehen und zu helfen. Heute werden im ganzen Land Brandenburg, in der Bundesrepublik und weltweit die Fahnen zur Mahnung wehen und ein deutliches Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen. Das ist gut, trotzdem wünsche ich mir, dass wir eines Tages nicht mehr hier stehen müssen, um den Internationalen Gedenktag „Nein - zu Gewalt an Frauen“ zu begehen. Einfach, weil es nicht mehr nötig sein wird.

Vielen Dank.“