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Grußwort: Arbeitstagung „Beschwerdemanagement in Flüchtlingsunterkünften – so kann es gehen“ am 24. November 2016

„Liebe Frau Dr. Wegenast,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrer Arbeitstagung, die sich dem äußerst spannenden Thema Beschwerdemanagement in Flüchtlingsunterkünften widmet. Einem Thema, das doch so wichtig ist für die Vorbeugung von Gewalt in Gemeinschaftsunterkünften und daher eine ganz besondere Bedeutung für geflüchtete Frauen hat. Ein gut etabliertes, akzeptiertes und funktionierendes Beschwerdemanagement wird ganz wesentlich dazu beitragen, dass Konflikte offenbart, geklärt und ohne Gewalt gelöst werden können. Und ganz nebenbei birgt es den positiven Effekt, dass Menschen sich öffnen und reden - bestenfalls miteinander.

Ich bin gebeten worden, heute ein paar Worte an Sie zu richten und ich bin dieser Bitte sehr gern nachgekommen. Nicht nur, weil ich begeistert darüber bin, mit wie viel Engagement und Kreativität Sie alle die Herausforderungen meistern, die die Versorgung und Betreuung der vielen geflüchteten Menschen an Sie stellen.
Nein, auch -und besonders- die geflüchteten Frauen und ihre Schicksale liegen mir sehr am Herzen. Ich finde, es lohnt sich für uns alle, wenn wir ihnen das Ankommen bei uns erleichtern und sie mitnehmen. Denn hier steckt eine ganz wunderbare Chance für Brandenburg, die wir nutzen sollten.

Geflüchteten Frauen das Ankommen zu erleichtern bedeutet auch, sie bei uns vor Gefahren und Gewalt -oftmals weiterer Gewalt- zu schützen. Machen wir uns nichts vor: viele der geflüchteten Frauen haben in ihren Herkunftsländern und/ oder auf ihrer Flucht zu uns Gewalterfahrungen machen müssen. Oft sind es diese Erfahrungen, die Frauen überhaupt erst dazu motivieren, zu fliehen. Dabei reichen die Formen der Gewalt von Partnergewalt über körperliche Gewalt, Vergewaltigung und Genitalverstümmelung bis hin zu geschlechtsspezifischer Verfolgung, Diskriminierung und Bevormundung. Nicht selten geht erlittene oder drohende Gewalt mit einer Traumatisierung der Betroffenen einher.

Und die Angst um Leib und Leben ist groß: von den tausenden geflüchteten Menschen, die unser Land im letzten Jahr erreicht haben, ist etwa ein Drittel weiblich.

Die Bedürfnisse dieser Frauen und Mädchen zu erkennen und anzuerkennen, sie vor weiterer Gewalt zu schützen und ihnen bei der Integration in unsere Gesellschaft zu helfen, ist nicht nur eine staatliche Aufgabe. Es ist auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sie geht uns alle an. Die Diakonie geht hier aus meiner Sicht mit gutem Beispiel voran. Nicht nur, dass Frau Dr. Wegenast ein Rahmengewaltschutzkonzept entwickelt hat, das auch von anderen Trägern genutzt und auf ihre vor Ort vorhandenen Gegebenheiten und Bedarfe angepasst werden kann. Auch die heute und morgen stattfindende Tagung zeigt das großartige Bestreben, gute und sichere Lebensbedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften zu schaffen. Gerade das Leben in den Gemeinschaftsunterkünften ist eine Sondersituation, die von vielen Geflüchteten als extrem belastend wahrgenommen wird und ein hohes Konfliktpotential in sich trägt. Und so kommt es leider immer wieder zu gewalttätigen Vorfällen, unter denen insbesondere Frauen und Kinder leiden.

Vor diesem geschilderten Hintergrund stellte sich mir die Frage, was ich, ganz besonders in meiner Funktion als Landesgleichstellungsbeauftragte, tun konnte und kann. Denn auch ich möchte meinen Beitrag leisten, andere in ihrem Engagement unterstützen und die noch Zögernden zur Mithilfe ermuntern.

Zuerst nennen will ich die Gründung der Unterarbeitsgruppe Flüchtlingsfrauen des Landesintegrationsbeirates. Diese Arbeitsgruppe haben die Landesintegrationsbeauftragte, Frau Dr. Lemmermeier, und ich ins Leben gerufen, um mit einem breit aufgestellten Expertinnen- und Expertenkreis wesentliche Fragen rund um das Thema Flüchtlingsfrauen in unserem Land zu erörtern und bestenfalls Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Dabei haben wir uns in den ersten Monaten mit den Themen Gewalt und Gewaltschutz sowie der Gesundheit von Flüchtlingsfrauen befasst. Und ich kann Ihnen sagen: es hat sich gelohnt! Wir haben eine Handreichung mit Informationen und Empfehlungen zum Gewaltschutz für Frauen in Flüchtlingsunterkünften erarbeitet. Ein paar Exemplare habe ich Ihnen mitgebracht - wenn Sie mögen, können Sie die Broschüre (auch barrierefrei) auf der Seite des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Landes Brandenburg bestellen. Was wir mit der Handreichung erreichen wollten? Aufklären, informieren, sensibilisieren, Empfehlungen aussprechen und wiederkehrende Fragen beantworten. Und das für Einzelpersonen, Behörden und Institutionen, die haupt- oder ehrenamtlich, direkt oder indirekt, mit geflüchteten Menschen arbeiten. Aus meiner Sicht leistet die Handreichung damit auch einen Beitrag für eine sorgfältige und gelingende Integration geflüchteter Frauen in unsere Gesellschaft.

Ich habe darüber hinaus erreichen können, dass im Nachtragshaushalt 2016 Mittel für eine neue Koordinierungsstelle für die Zufluchts- und Beratungsangebote für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder, besonders mit Flüchtlingsstatus, bereitgestellt worden sind. Auslöser war, dass wir in Fragen des Gewaltschutzes für Frauen in unserem Land zwar auf eine leistungsfähige Hilfestruktur zurückgreifen können. Und natürlich stehen die Beratungs- und Schutzangebote auch geflüchteten Frauen offen. Aber wir haben auch festgestellt, dass die Betreuung geflüchteter Frauen in Frauenschutzeinrichtungen neue Herausforderungen mit sich bringt. Es sind zahlreiche neue Fragen zu klären, von der Organisation von Übersetzungen über die Schaffung von Betreuungsangeboten für Kinder bis hin zur Verhandlung mit Behörden und Umsetzung besonderer Schutzbedürfnisse. Und da das in Frauenhäusern und Beratungsstellen große Kapazitäten bindet, soll die Koordinierungsstelle für deutliche Entlastung sorgen. Auf diese Weise können sich die Brandenburger Frauenschutzstellen ganz auf die Arbeit mit den von Gewalt betroffenen Frauen egal welcher Nationalität konzentrieren und leisten damit einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen häusliche Gewalt, aber auch für die Integration von Flüchtlingsfrauen. Eine Fortführung der Koordinierungsstelle auch über 2016 hinaus und ihre Weiterentwicklung haben wir fest eingeplant.

Ich könnte Ihnen noch länger von den diversen Aktivitäten meinerseits und der Landesintegrationsbeauftragten berichten - zum Beispiel fördern wir gemeinsam Projekte für Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund. Aber bei all dem, was schon passiert in der Landesregierung und an zahlreichen anderen Stellen im Land, ist das Beschwerdemanagement noch immer ein blinder Fleck. Das ist auch auf der Fachkonferenz zur Gewaltprävention für geflüchtete Frauen deutlich geworden, die wir mit 120 Teilnehmenden am 15. November in Potsdam durchgeführt haben. Ich bin deshalb sehr froh, dass sich Frau Dr. Wegenast dieses Themas angenommen hat und Sie sich auf dieser Tagung schwerpunktmäßig mit diesem besonderen Aspekt des (mittelbaren) Gewaltschutzes beschäftigen wollen. Und eigentlich geht Beschwerdemanagement noch darüber hinaus - kann es doch ein erster Schritt dahin sein, sich für die Gestaltung der eigenen Lebenssituation zu engagieren, also in einer neuen Umgebung Verantwortung zu übernehmen und sich an partizipativen Prozessen zu beteiligen. Ich würde mich sehr freuen, wenn es uns gelänge, auch die geflüchteten Frauen bei uns dafür zu gewinnen.

Beschwerdemanagement - was ist das überhaupt? Warum ist das wichtig? Wie kann es funktionieren? Ich finde es ganz toll, dass Expertinnen und Experten auch aus anderen Bundesländern heute anwesend sind, die uns von Ihren Erfahrungen berichten können.

Ich bin gespannt auf Ihre Ergebnisse und werde Sie sehr gern darin unterstützen, diese auch flächendeckend zur Anwendung zu bringen. Leider kann ich nicht an der gesamten Tagung teilnehmen.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeitstagung interessante Beiträge und Diskussionen, viel Erfolg und den Perspektivwechsel, den es manchmal braucht, um ein Problem lösen zu können. Carolin Emcke, eine deutsche Autorin und Publizistin, die kürzlich mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, sagte dazu einmal: „Wir können immer wieder anfangen. Was es dazu braucht? Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen: Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.“

Vielen Dank.“