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TAGUNGSBERICHT

Identitätspolitik und Gedenken: Schwul-Lesbische Erinnerungskulturen in der Diskussion. Donnerstag, 20.04. und Freitag, 21.04.2017, Gedenkstätte Ravensbrück

Autorin:
Elisa Heinrich, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
elisa.heinrich@univie.ac.at

 

Den Anlass für das Symposium in der Gedenkstätte Ravensbrück bildete die Kontroverse um die Frage nach der Legitimität eines öffentlichen Gedenkens an lesbische Frauen im Nationalsozialismus. Die im Zuge der Realisierung des ‚Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen’ im Berliner Tiergarten erstmals heftig geführte Debatte setzt sich momentan in der Frage nach einem Gedenkzeichen – einer von Aktivistinnen gestalteten Gedenkkugel – in der Gedenkstätte Ravensbrück fort. Das Symposium verfolgte das Ziel, unterschiedliche wissenschaftliche wie zivilgesellschaftliche Positionen zusammen und verschiedene Akteur/innen dieser Debatte miteinander ins Gespräch zu bringen.

INSA ESCHEBACH (Gedenkstätte Ravensbrück) begrüßte als Gedenkstättenleiterin die Anwesenden und skizzierte erste Ausgangspunkte für das Symposium in Bezug auf die Praxis öffentlichen Gedenkens in Gedenkstätten: Diese seien zum einen Bühnen gesellschaftlich anerkannter Erinnerung und damit Austragungsort von Debatten um Kanonisierung. Darüber hinaus seien in Ravensbrück ebenso wie an anderen ehemaligen in der DDR angesiedelten Gedenkstätten in den Jahrzehnten nach dem Nationalsozialismus Ausschlüsse produziert worden – im Fall von Ravensbrück etwa wurde unter anderem die Gruppe der als ‚asozial’ Stigmatisierten tabuisiert. Zum dritten würden aus den heutigen, pluralen Erinnerungskulturen und Gedenkpolitiken Kontroversen um die Frage möglicher Opferkonkurrenzen erwachsen.

Im Anschluss wurden mehrere Grußworte an die Teilnehmenden der Veranstaltung gerichtet. DIANA GOLZE (Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Landes Brandenburg) betonte die herausragende Rolle der Gedenkstätte Ravensbrück als ehemaliger Ort des größten Frauenkonzentrationslagers des Deutschen Reichs, die Geschichte lesbischer Frauen im Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Die Aktivistinnen der Ostberliner Gruppe ‚Lesben in der Kirche’ BETTINA DZIGGEL und MARINKA KÖRZENDÖRFER (beide BERLIN) zeigten sich in ihrem Statement überzeugt, die Legitimität eines Gedenkens an lesbische Frauen könne nicht nur an dem Parameter der Strafverfolgung gemessen werden. IRMES SCHWAGER (Initiative Autonome feministische Frauen Lesben aus Deutschland und Österreich) berichtete über die Diskussionsprozesse, die zum Platzieren der Gedenkkugel auf dem Gelände der Gedenkstätte im Jahr 2015 geführt hätten und was seither passiert sei: So musste die Kugel im Mai 2016 auf Weisung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten wieder entfernt werden. Im November 2016 scheiterte ein offiziell gestellter Antrag auf das Erinnerungszeichen, der mittlerweile vom Internationalen Ravensbrück Komitee unterstützt wird, im Beirat der Brandenburgischen Gedenkstätten. SCHWAGER betonte die Bedeutung der Kugel als Symbol des Sichtbarmachens und Gedenkens, das immer auch in die Gegenwart weisen müsse, und plädierte zuletzt für mehr, auch internationale, Vernetzung zwischen Aktivismus und Forschung in Bezug auf lesbische Frauen im Nationalsozialismus.

Das erste Panel des Symposiums sollte einige grundsätzliche Einordnungen sowie erste theoretische Reflexionen ermöglichen und fokussierte mit Insa Eschebachs Vortrag auf den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte homosexueller Frauen und Männer, insbesondere im Konzentrationslager Ravensbrück, und widmete sich zentralen Aspekten der diese Gruppe betreffenden Erinnerungsgeschichte. Eschebach betonte zunächst die Bedeutung der Geschlechterspezifik der NS-Homosexuellenverfolgung und legte anschaulich die im frühen 20. Jahrhundert entwickelte diskursive Verknüpfung von Promiskuität, Prostitution und weiblicher Homosexualität dar. Darüber hinaus thematisierte sie Erinnerungsberichte von Überlebenden des Konzentrationslagers als wichtige Quellen, in denen homophobe Stigmatisierungen als Distinktionsstrategie sichtbar würden.  ANNA HAJKOVA (Warwick) plädierte in ihren Ausführungen für ein Zusammendenken der Felder Holocaustforschung und Homosexualitätsgeschichte und lenkte – ausgehend von ihren Forschungen zu gleichgeschlechtlichem Verhalten im Ghetto Theresienstadt – den Fokus auf die häufig aggressiv formulierten Reaktionen auf lesbisches Begehren in autobiografischen Quellen von Überlebenden. In der von GABRIELE KÄMPER (Berlin) moderierten Diskussion wurde unter anderem das von Hajkova ins Spiel gebrachte Konzept einer den Zugang zu Erinnerungskultur und Gedenken regulierenden ‚historical citizenship’ diskutiert. Darüber hinaus wurde erstmals die Problematik einer Einschreibung heutiger Aktivist/innen und Historiker/innen in die Verfolgungsgeschichte der historischen Subjekte aufgeworfen.

Der Abend gab den Initiatorinnen der Gedenkkugel Gelegenheit ihr Projekt mittels einer Ausstellung vorzustellen. Die Rede von WIEBKE HAß und die ausgestellten Dokumente gaben Einblick in das langjährige erinnerungspolitische Engagement der Gruppe und verdeutlichten die breite Unterstützung des Gedenkkugelprojekts durch Organisationen und Einzelpersonen. Als letzter Programmpunkt des Tages wurde der Dokumentarfilm ‚Warum wir so gefährlich waren. Geschichten eines inoffiziellen Gedenkens’ gezeigt. Der 2006 produzierte Film legt eindrücklich die Versuche der Ostberliner Gruppe ‚Lesben in der Kirche’ dar, in den 1980er-Jahren an Gedenkveranstaltungen der Gedenkstätte Ravensbrück teilzunehmen, und zeigt die harschen staatlichen Reaktionen darauf. Daran anschließend war das Publikum eingeladen, mit den beiden Aktivistinnen und Zeitzeuginnen Bettina Dziggel und Marinka Körzendörfer zu diskutieren.

Das erste Panel des zweiten Tages widmete sich unter der Leitung von CLAUDIA SCHOPPMANN (Berlin) dem Gedenken an weibliche und männliche Homosexuelle in KZ-Gedenkstätten. THOMAS RAHE (Gedenkstätte Bergen-Belsen) gab einen instruktiven Überblick über Ausmaß und Form der Thematisierung der Opfergruppe der Homosexuellen in den großen deutschen Gedenkstätten; lesbische Frauen – so sein Befund – würden nicht oder kaum thematisiert. Rahe sah den Grund dafür einerseits in der stärkeren Fokussierung der neuen Dauerausstellungen auf die eigene Lagergeschichte, wodurch nur kursorisch in den Blick gerate, was außerhalb passiert sei. Andererseits fehlten nach wie vor – mit Ausnahme Österreichs – weitgehend Belege für eine Verfolgung aufgrund der Kategorie ‚lesbisch’. Hier plädierte er wie eine Reihe anderer Teilnehmer/innen des Symposiums für eine Ausdehnung des Verfolgungsbegriffs auf unterschiedliche Formen der Diskriminierung, Einschüchterung oder Überwachung und für die Einbeziehung von Geschlechterkonstruktionen in diese Frage. Auch sei der Anspruch an Gedenkstätten sehr hoch – es sollten hier historische, insbesondere städtische Museen stärker in die Pflicht genommen werden. Sowohl Rahe als auch LUTZ VAN DIJK (Kapstadt/Amsterdam), der zur Erinnerung an Rosa Winkel Häftlinge in Polen referierte, machten deutlich, dass die Orientierung an Kategorien des NS-Systems eine Reihe von Selbstkonstruktionen ausblende und auch Gefahr laufe, Stigmatisierungen zu verlängern. Gerade biografische Zugänge seien sowohl aus didaktischer als auch aus historiographischer Perspektive wünschenswert. Mit dem Ableben der Zeitzeug/innen gehe es in Zukunft immer stärker um das Einbeziehen von nachgeborenen Familienmitgliedern.

Das folgende Panel stellte die Frage nach den Ein- und Ausschlüssen sowie den identitätspolitischen Implikationen von Gedenkprozessen. THOMAS LUTZ (Berlin), der einen Überblick über die wechselvolle Geschichte der Anerkennung der Gruppen der NS-Opfer seit 1945 gab, wies darauf hin, dass in den 1980er Jahren Bemühungen vor allem in die Richtung gegangen seien, die verschiedenen Opfergruppen zu einem gemeinsamen Handeln zu bewegen. Leider gehe heute die Tendenz von Betroffenenorganisationen eher dazu, das Interesse an der Wahrnehmung der eigenen Gruppe wesentlich stärker zu gewichten als ein gemeinsames Streben nach Anerkennung. In Gedenkstätten, in denen jeweils nur jenen Gruppen von Verfolgten gedacht wird, die an diesem Ort ermordet wurden, Gruppen hinzuzufügen, die dort nicht verfolgt wurden, schaffe, so Lutz, „alternative Fakten“, die den historischen Geschehnissen nicht entsprächen. Das könne zu Verletzungen anderer Opfergruppen und zur Unglaubwürdigkeit der Gedenkstätten führen. Demnach sei es wichtig, die berechtigte Forderung nach heutiger, breiter Wahrnehmung in der Gesellschaft nicht durch falsche Bezüge und die Schaffung neuer Mythen zu beschädigen. CORINNA TOMBERGER (Berlin) stellte in ihrem Vortrag eine profunde Analyse erinnerungskultureller Setzungen entlang der Gedenkzeichen an der Lagermauer in Ravensbrück vor. Sie untersuchte die diesem Ort zugrunde liegende, Ein- und Ausschlüsse produzierende, Ordnung und konstatierte eine Entwicklung von Gedenkzeichen, die von einer sozialen Kategorie (Familie, Geschlecht, Nation) ausgehen, hin zu solchen, deren Ausgangspunkt eine Verfolgungskategorie bilde. In dieser Hinsicht kritisierte Tomberger auch die Entwicklung der Inschrift der Gedenkkugel: die erste Versionhabe offen gelassen, ob mit lesbischen Frauen eine soziale Kategorie oder eine Verfolgungskategorie gemeint sei – in der aktuellen Inschrift[2 werde insinuiert, dass lesbische Frauen generell als Lesben verfolgt wurden. Ihr Vorschlag, zwischen Widmungsgruppe und Erinnerungsgemeinschaft in der Initiierung eines Gedenkenzeichens zu unterscheiden und – im hier relevanten Fall – allen lesbischen Frauen des NS zu gedenken, unabhängig von den sie betreffenden Verfolgungskategorien, wurde im Laufe der Diskussion und der gesamten Tagung immer wieder positiv aufgegriffen.

Das nächste von BIRGIT BOSOLD (Berlin) moderierte Panel erweiterte die bisherigen Diskussionen um Theoretisierungen zu Subjekt- und Identitätskonstruktionen. GABRIELE DIETZE (Berlin) analysierte in ihrem Vortrag das Verhältnis von Un/Sichtbarkeit und Opferpositionen als einen Kampf um Anerkennung, zu dessen Verständnis Intersektionalitätsansätze und insbesondere das Konzept der ‚scattered hegemonies’ (Inderpal Grewal/Caren Kaplan) beitragen könnten. Dabei war insbesondere ein Vergleich zu der aktuellen Diskussion um das Gemälde „Open Casket“ der US-amerikanischen Künstlerin Dana Schutz[3] erhellend, durch den die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer legitimen Aneignung von Sprechpositionen von einer anderen Warte aus betrachtet werden konnten. SABINE HARK (Berlin) lenkte in ihren Ausführungen den Blick auf die Ausschlüsse, die ein lesbisches ‚Wir’ – mit Judith Butler verstanden als phantasmatische Konstruktion, die ihre eigene Unbestimmtheit verleugnet – produziere. Unumgänglich sei es, so Hark, ‚Identität’ zu historisieren und sich den vielfältigen Differenzen, insbesondere zwischen vergangenen und gegenwärtigen Subjekten, zu stellen. Das Plenum diskutierte im Anschluss vor allem das Konzept eines strategischen Essentialismus, das einem Subjekt das Manövrieren durch die komplexen Konstellationen und Hegemonien, in die es eingebunden sei, ermögliche. Zu Recht gab Insa Eschebach zu bedenken, dass eine solche Strategie in gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen funktionieren könne, diese aber nicht auf die Vergangenheit, etwa auf Ravensbrück-Häftlinge, anwendbar sei ohne erneut Identitätsbehauptungen vorzunehmen.

Nach eineinhalb Tagen der Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen eines Gedenkens an lesbische Frauen in der Gedenkstätte Ravensbrück stellte MATTHIAS HEYL (Gedenkstätte Ravensbrück) im Rahmen einer abschließenden Podiumsdiskussion die Frage nach einer konsensfähigen Lösung. CAROLA SACHSE (Berlin/Wien) sah als wichtige Voraussetzung, dass es einen Unterschied zwischen der Verfolgung homosexueller Männer und den vielfältigen Diskriminierungen lesbischer Frauen im NS gegeben habe. So sei weibliche Homosexualität kein expliziter Verfolgungsgrund gewesen, die belegbaren Biografien seien Einzelfälle. Dennoch setze sie sich für ein Gedenken an lesbische Frauen ein, wenn dieses von einer Festschreibung auf den Verfolgungsgrund Abstand nehme. In dieser Hinsicht sei die Gedenkkugel mit einer möglichst knappen Inschrift, so wie sie in der ersten Version vorgesehen war, eindeutig zu befürworten. Die Aktivistin LISA STEININGER (Wien) setzte sich für die weiterentwickelte Inschrift auf der Gedenkkugel ein, die mit Begriffen wie „entartet“ oder „ver-rückt“ nun stärker auf strukturelle Verhältnisse, etwa auf die Psychiatrisierung lesbischer Frauen verweise. Steininger beharrte darüber hinaus auf dem Verfolgungsbegriff: Zum einen seien auf dem Gebiet Österreichs lesbische Frauen auch strafrechtlich verfolgt worden, zum anderen gelte es, wie immer wieder gefordert, den Verfolgungsbegriff auf Zerstörung von Strukturen, Einschüchterungen und Diskriminierungen auszudehnen. Dieser Position schloss sich JEANINE BOCHAT vom Internationalen Ravensbrück Komitee – dieses unterstützt die Gedenkkugel-Initiative ja mittlerweile offiziell – an. Thomas Lutz ließ mit seinem Vorschlag, alle Gedenktafeln in Ravensbrück abzunehmen und „nicht mehr über Symbole, sondern über Inhalte“ zu arbeiten, aufhorchen. Dagegen positionierte sich etwa Gabriele Kämper, die meinte, Opfergruppen zu benennen sei die demokratische Antwort auf den Totalitarismus des NS-Regimes.

Heyl stellte auch die Frage, warum gerade im Fall dieses Gedenkens die Wogen derart hoch schlagen würden, während – wie Sachse ergänzte – andere, Nationen adressierende Gedenkinschriften, die sie heute aufgrund ihrer identitätspolitischen Implikationen als problematisch einstufen würde, ohne Kritik den Beirat passiert hätten. Corinna Tomberger wies darauf hin, dass es im Sinne einer heteronormativ organisierten Ordnung des Gedenkens durchaus symptomatisch sei, bestimmten Gruppen Identitätspolitik und Instrumentalisierung von Geschichte vorzuwerfen und anderen nicht.

Im Laufe der Diskussion wurde immer wieder die Differenz zwischen der von Aktivistinnen der Gedenkkugel-Initiative vertretenen Position, Gedenken habe jedenfalls einen „gegenwärtigen Anspruch“ zu erfüllen, und dem Appell, die identitätspolitischen Implikationen jener gegenwärtigen Ansprüche zu bedenken, sichtbar. Tomberger plädierte in diesem Zusammenhang für einen genauen und nicht selektiven Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und wiederholte ihren Vorschlag, zwischen jenen, die sich erinnern wollen (Erinnerungsgemeinschaft), und der Gruppe, der gedacht werden soll (Widmungsgruppe), zu differenzieren. Ein stärkerer Fokus auf den Ort Ravensbrück und darauf, jenen zu gedenken, „die hier waren“, könne außerdem entlastend auf die Ansprüche wirken, die mit der Gedenkkugel in Verbindung stünden. Welche Auseinandersetzungen seien also an anderen Orten möglicherweise besser aufgehoben und mittels anderer Formen vielleicht differenzierter zu transportieren?

Das Symposium bot die hervorragende Gelegenheit, historisch arbeitende Wissenschafter/innen und engagierte erinnerungspolitische Aktivist/innen über lesbisch-schwule Erinnerungskulturen miteinander ins Gespräch zu bringen. Wenn sich auch nicht immer eine gemeinsame Sprache oder ein Konsens finden ließ, bieten die hier geführten Auseinandersetzungen mit Sicherheit Anknüpfungsmöglichkeiten für künftige und weiter notwendige Reflexionen.