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Grußwort auf der Veranstaltung „Lesbisches Gedenken in der Diskussion“ am 30.07.2017

Sehr geehrte Frau Bosold,
sehr geehrte Frau Haß,
sehr geehrte Frau Dr. Tomberger,
liebe Gäste,

 

auch wenn ich heute leider nicht persönlich zu Ihnen sprechen kann, möchte ich Sie gleichwohl herzlich zur Diskussionsveranstaltung über lesbisches Gedenken begrüßen.

Sie haben keinen passenderen Ort für das heutige Treffen finden können. Sind Museen doch von jeher Orte des Erinnerns und Informierens. Und um nichts Anderes geht es beim Gedenken an lesbisches Leben.

Aber ist Ihnen allen klar, was sich hinter dem Veranstaltungstitel „Lesbisches Gedenken in der Diskussion“ verbirgt? Wem wird gedacht und warum?

Das Spannende ist, dass sich Anlass und Zielstellung der heutigen Veranstaltung nicht auf den ersten Blick erschließen. Ob beabsichtigt oder nicht: damit passt sie recht gut zum Thema und den Begleitumständen. Denn es geht um lesbische Frauen und Mädchen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden und umkamen. Wir wissen nicht, wie viele es von ihnen tatsächlich gab. Wir wissen nicht, wie genau ihr Leben aussah. Das allein bewegt schon sehr. Noch bewegender ist aber, dass ein umfassendes spezifisches Gedenken an sie bislang fehlt. Es gibt keinen zentralen und allumfassenden Ort des Erinnerns an lesbische Opfer des NS-Regimes.

Um dies zu ändern, legten Frauen der sich etablierenden Lesbenbewegung in der DDR in den Jahren 1984 bis 1986 jährlich einen Kranz im KZ Ravensbrück nieder und trugen sich im Besucherbuch ein. Beides wurde immer wieder durch die Stasi entfernt. Was nicht entfernt und gestoppt werden konnte, war die Diskussion um einen Ort des Gedenkens. Diese hält bis heute an. Nur beispielhaft möchte ich in diesem Zusammenhang das hochkarätig besetzte Symposium am 20. und 21. April 2017 im Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück nennen, das sich sehr intensiv mit der Frage von Identitätspolitik und Gedenken auseinandergesetzt hat. Mir war die Ehre zuteil geworden, Schirmherrin dieses Forums zu sein, worauf ich nicht zuletzt wegen der großartigen Ergebnisse der Diskussionen sehr stolz bin.

Sie haben heute das große Glück, das Zentrum der aktuellen Diskussion -wenn Sie so wollen, den Stein des Anstoßes- kennenzulernen. Eine Kugel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Frau Haß wird Ihnen später anschaulich und einprägsam die Geschichte dieser Kugel schildern. Ich möchte ihr nicht vorgreifen, doch sei so viel erlaubt: aus meiner Sicht verkörpert diese Kugel den perfekten Ort des Erinnerns. Denn sie schließt alle ein -sichtbar und unsichtbar, als Lesbe verfolgt oder nicht, ermordet und überlebend- und bietet allen einen geschützten Raum zum Weiterleben. Ich bin der Initiative „Autonome feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich“ für ihr Engagement rund um die Kugel ausgesprochen dankbar und freue mich, dass sie in den Räumen des Schwulen Museums zu sehen ist!

Nun können Sie sich fragen, warum es so wichtig ist, an lesbische Frauen und Mädchen als Opfer des NS-Regimes zu erinnern. Sind sie nicht irgendwie in den diversen Gedenkstätten in Deutschland und der Welt mitgedacht? Und reicht es nicht, wenn wir zum Beispiel mit den Hamburger Stolpersteinen an Einzelschicksale erinnern?

Ich finde nicht. Das Leiden lesbischer Frauen und Mädchen während der Nazizeit muss ans Licht kommen. Wir dürfen ihre Schicksale nicht weiter verschweigen. Es ist schlimm genug, wenn sie zu Lebzeiten unsichtbar waren. Sie alle haben es verdient, ihnen zumindest jetzt eine Sichtbarkeit zu verleihen.

Weil Homosexualität unter Frauen und Mädchen anders als bei Männern nicht unter Strafe stand, wurden sie als weniger gefährlich, weniger wichtig eingestuft und im NS-Regime eher selten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und ermordet. Man hat sie wegen anderer Vergehen verhaftet, zum Beispiel als politische Aktivistinnen oder als Asoziale. Oder man hat sie für verrückt erklärt, entmündigt, unter Betreuung gestellt und in psychiatrischen Anstalten mundtot gemacht. In Polizeiakten, Gerichtsakten, Deportationslisten und anderen offiziellen Dokumenten tauchten lesbische Frauen und Mädchen also selten explizit als Lesben auf.

Erschwerend hinzukam, dass lesbisches Leben zu dieser Zeit tabuisiert und versteckt wurde. Noch in den Jahrzehnten vor dem NS-Regime sah die Welt für lesbische Frauen und Mädchen etwas anders aus: Es hatte sich eine zunehmend stärker werdende Lesbenszene zumindest in den größeren Städten aufgebaut, die auch eigene Lokale und Zeitschriften etablierte und pflegte. Wenn wir an den ohnehin stark patriarchalen Charakter der damaligen Gesellschaft denken, ein durchaus bemerkenswerter Umstand! Doch das aufkeimende Pflänzchen erfuhr in der NS-Zeit ein jähes Ende: lesbische Frauen zogen sich in Scheinehen zurück, änderten ihre Lebensweise und ihr Aussehen, sie passten sich an und tarnten ihre Clubs und Treffen. Sie wurden wieder unscheinbar und unsichtbar.

Und doch kamen viele lesbische Frauen und Mädchen während der Nazizeit um. Auch und besonders in Konzentrationslagern wie Ravensbrück - als Lesbe erkannt oder unerkannt.

Die Unsichtbarkeit ist das, was wir nicht hinnehmen dürfen. Um der vielen vielen lesbischen Frauen und Mädchen willen, die ihr Leben ließen oder ihr Leben lang litten. Aber auch um unserer selbst willen. Denn was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn wir Unrecht ignorieren? Was sagt es über uns selbst aus, wenn wir einem Verdacht auf Verfolgung und Diskriminierung nicht wenigstens nachgehen? Die dünne Fakten- und Datenlage zu lesbischem Leben während NS-Zeit jedenfalls gibt uns einen Arbeitsauftrag mit: es besteht ganz dringender Diskussions- und Forschungsbedarf.

Die Zeit dafür ist günstig. Spielt doch die Gleichstellung aller Menschen -unabhängig von Geschlecht oder sexueller Identität- eine wichtige Rolle in Brandenburg. Mit dem Landesaktionsplan „Queeres Brandenburg“ hat dieser Aspekt der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik noch einmal Aufwind erhalten. Darin werden Themen wie die Aufklärung über sexuelle bzw. geschlechtliche Vielfalt oder die Bekämpfung von Diskriminierung in den Fokus gerückt. Und auch die Sichtbarkeit lesbischen Lebens in Brandenburg spielt eine Rolle. Online und in Regionalworkshops ist die breite Öffentlichkeit eingeladen, ihre Wünsche, Ideen, Anregungen und Kritikpunkte in den Erarbeitungsprozess einzubringen, der bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein wird. Wenn Sie mögen, besuchen Sie die Plattform www.queeres-brandenburg.de und machen Sie mit! Jede Stimme zählt und ist wertvoll! Damit wir am Ende stolz auf einen bunten und breit angelegten Strauß von Maßnahmen, zum Beispiel die Erforschung der Lesbenverfolgung im NS-Regime, schauen können.

Für heute wünsche ich Ihnen eine spannende Veranstaltung. Auf dass Sie am Ende sagen können: „Dass sich so viel und so viel Unglaubliches, Bewegendes und Erschütterndes dahinter verbirgt, hätte ich wirklich nicht gedacht.“ Tauchen Sie ein in ein spannendes und leider noch wenig erforschtes Kapitel deutscher Frauenvergangenheit. Diskutieren Sie mit und geben Sie Arbeitsaufträge für die Forschung aus! Die vielen im NS-Regime verfolgten und verstorbenen lesbischen Frauen haben es verdient, dass ihre Geschichten entdeckt und gehört werden. Denn nur so können wir an sie erinnern und ihnen Raum zum Weiterleben geben.

Vielen Dank!