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Rede anlässlich der Einweihung von zwei Gedenktafeln für Maurizio Ascoli und Leone Pavoncello in der Gedenkstätte KZ-Nebenlager Lieberose, 2. Mai 2019

Sehr geehrte Angehörige,
sehr geehrte Vertreter der jüdischen Gemeinde aus Rom,
sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung und vielen Dank, dass ich heute aus diesem besonderen Anlass zu Ihnen sprechen darf.

Ich freue mich, dass Sie heute hierher gekommen sind. Und ich finde es schade, dass nicht noch viel mehr Menschen heute hier sind.

Ein solcher Termin wie dieser lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Es ist kein Termin, wie er im politischen Alltag ständig vorkommt, den man mit Routine abarbeitet. Hier geht es um das große Ganze. Es geht um Menschenleben. Und um die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Wie hängen die großen Fragen zusammen und was lernen wir daraus?

74 Jahre ist die Befreiung vom Faschismus nun her. „Eine Sekunde in der Menschheitsgeschichte“, wie Thomas Brasch sagte. Unsere Eltern oder Großeltern haben die Zeit erlebt. Es ist noch nicht lange her. Und doch schon so lange, dass nur noch wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen heute von selbst erlittenen oder selbst beobachteten Gräueln erzählen können.

Mir haben viele Menschen davon erzählt. Schreckliche, grauenhafte Sachen. Meine Oma hat als Mädchen einen Zug gesehen, mit dem Juden deportiert wurden und sie hat sich wahnsinnig erschrocken. Mein Schwiegervater, der mit seiner Mutter und seinen kleinen Brüdern fliehen musste, hat erzählt, wie er vor Hunger Baumrinden im Wald durchprobiert hat, um herauszufinden welche genießbar sind. Mein Opa hat von den Zwangsarbeiterlagern am Ortsausgang erzählt. Wenn ich mich jetzt manchmal mit älteren Leuten unterhalte, wenn ich sie zum Beispiel zu Geburtstagen in Seniorenheimen besuche, dann wissen einige nicht mehr, ob sie morgens gefrühstückt haben. Aber an Kriegserlebnisse, an Angst, Krankheit und Flucht können sie sich gut erinnern. Noch immer träumen sie von den Erlebnissen. Dabei waren sie selbst noch sehr jung. Heute wissen wir, dass sich traumatische Erlebnisse auch an nächste Generationen weitervererben. Die schrecklichen Verbrechen der Nazi-Zeit stecken uns in den Knochen.

Weil die Zeitzeugen weniger werden, kommt Gedenkstätten eine immer größere Aufgabe zu – so wie Autoren, Filmemachern, Museumsleitungen, aber auch den Nachkommen, den Familien der Zeitzeugen und der Opfer. Und auch den Menschen, die heute in der Gegend leben, in der die schrecklichen Verbrechen geschahen. Wir alle sind aufgefordert, die Erinnerung zu bewahren und weiterzutragen!

Gedenkstätten erzählen Geschichte am authentischen Ort. Sie machen damit unsere Wurzeln kenntlich und bringen uns dazu, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.

"Die Gedenkstätten sind eine Mahnung, was passiert, wenn einer Gesellschaft Menschlichkeit, Empathie und Toleranz verloren gehen", sagte Staatssekretärin Gutheil im Februar hier in Lieberose. Und sie machte deutlich, dass Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit in unserem Land nicht verhandelbar sind.

1973 wurde diese Gedenkstätte eingeweiht. Hunderte ermordete KZ-Insassen, die nach dem Krieg teilweise aus den Massengräbern exhumiert werden konnten, wurden hier beigesetzt. An sie würdig zu erinnern, ist unsere Aufgabe. Das tun wir für unsere Zeitgenossen und für alle, die nach uns kommen. Eine würdige Gedenkstätte ist ein sichtbares Zeichen für ein angemessenes Gedenken an die Toten und Wertschätzung gegenüber den Angehörigen.

„Die Gegenwart ist das Resultat der Vergangenheit“, so Thomas Brasch weiter. Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir der Schrecken und dem Morden der Nazizeit gedenken. Deshalb ist es so wichtig, dass wir heute an Maurizio Ascoli und Leone Pavoncello erinnern. Beide sind im Januar 1945 kurz vor der Auflösung des KZ-Nebenlagers Lieberose verstorben.

Auch nach dieser langen Zeit ist der Verlust spürbar. Wir fühlen mit den Angehörigen, mit den Kindern der Ermordeten. Sie waren junge Männer, viele werden sich an sie erinnern. Viele können sich nicht mehr erinnern, denn auch sie wurden umgebracht.

Maurizio Ascoli und Leone Pavoncello waren seit 1943 im Außenlager des KZ Sachsenhausen, in Jamlitz, im sogenannten „Arbeitslager Lieberose“ inhaftiert. In der Hochphase des Lagers zeitgleich etwa 4.300 Menschen, die schwerste körperliche Arbeit verrichten mussten. Unter ihnen politische Häftlinge, sowjetische Kriegsgefangene, Juden, darunter viele ungarische und polnische Juden. Von insgesamt schätzungsweise 6.000 bis 10.000 als Juden verfolgten Häftlingen aus zwölf europäischen Ländern, vor allem aus Polen und Ungarn, überlebten weniger als 400 ehemalige Gefangene. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau diente als Arbeitskräftereservoir für das KZ Lieberose. Nicht mehr Arbeitsfähige wurden aus Lieberose nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Als die SS das Lager Anfang 1945 räumte und die Gefangenen auf einen Todesmarsch trieb, wurden 1.342 kranke und marschunfähige Häftlinge erschossen und in Massengräbern verscharrt. Bis heute konnten längst nicht alle Überreste aufgefunden und bestattet werden. Damit haben Angehörige aus vielen Ländern noch immer keinen Ort der Trauer. Damit bleiben die Toten unsichtbar. Im Leben geschunden und ihrer Würde beraubt, ist es noch immer, 74 Jahre später, nur wenigen vergönnt, dass an sie namentlich und individuell mit einer Tafel gedacht werden kann. Deshalb ist es eine besondere Freude im Leid, dass wir heute zwei weitere Tafeln enthüllen können. Ich danke den Angehörigen für ihr Vertrauen und ich danke dem deutsch-italienischen Kulturkreis „Carlo Levi Filef Berlin“ für ihre Unterstützung.

Ihr Engagement steht in einem größeren Zusammenhang. Wir brauchen heute eine ansprechende Erinnerungskultur an die Barbarei der Nazizeit, zeitgemäß und vielfältig - mehr denn je!

Einladend, in pädagogisch wertvollen Gedenkstätten des Grauens, und auch alltäglich, durch Stolpersteine und mehr in authentischer Umgebung, denn alles geschah inmitten der Gesellschaft und wurde vom Gros geduldet. Und weil das nie mehr geschehen darf, darf man diese Geschichte nicht verdrängen, nicht leichtfertig, schon gar nicht mutwillig.

Historiker haben errechnet, dass unmittelbar am Holocaust, von der Deportation, über die Ermordung, bis zur Entsorgung und Ausweidung der Leichname 500.000 Deutsche direkt beteiligt waren. Dieses Verbrechen darf man nicht auf ein paar Nazi-Führer reduzieren.

Ich möchte an die Worte von Imré Kertesz erinnern. Er war Ungar, Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger, Jude und Holocaust-Überlebender. Er hat am 27. Januar 2008 im Deutschen Bundestag gesagt: „Das vordem Unvorstellbare, der Holocaust, ist geschehen. Und was einmal geschehen ist, kann wieder geschehen.“

Seine Mahnung meint uns Nachgeborene - uns alle! Wir erinnern nicht aus Folklore, sondern aus Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft.

Richard von Weizsäcker war der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, der den 8. Mai 1945 im Deutschen Bundestag als „Tag der Befreiung vom Faschismus“ bezeichnete. Das war 1985. In derselben Rede hatte er zugleich gemahnt:

„Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet:

Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.“

Auch an diese Rede zu erinnern, scheint nötiger denn je!
Alles begann scheinbar ganz klein und gerade deshalb so gefährlich. Man kann diese Anfänge heute wieder in nahezu allen europäischen Ländern beobachten.
Wie erklärt man heute den Rechtsruck? Es gibt Armut und Unsicherheit. Also wird nach Schuldigen gesucht. So schürt man Hass.
Soziales wird privatisiert, Demokratie entleert. Aber fast überall werden soziale Konflikte ethnisiert. Dass die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden, und zwar weltweit, ist aber kein ethnisches Problem. Das ist verlogen, aber es verfängt.
Immer wieder werden Feindbilder geschaffen, um von tatsächlichen Miseren abzulenken. Und immer wieder werden solche Feindbilder auch angenommen, weil sie so einfach klingen. Aber das war noch nie gut. Und täusche sich bitte niemand über die deutschen Zustände. 25 bis 40 Prozent der Bevölkerung, so belegt eine Langzeit-Studie der Uni Bielefeld, hegen und pflegen antisemitische Vorurteile. Jüdische Einrichtungen, Kindergärten und Synagogen, müssen noch immer besonders geschützt werden. Und Woche für Woche wird in Deutschland mindestens ein Jüdischer Friedhof geschändet. Die Zunahme von Antisemitismus und kruden Verschwörungstheorien dürfen nicht hingenommen werden. Die Folgen sind uns bekannt.

Die sogenannte Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde in der vergangenen Woche präsentiert. Mehr als 54 Prozent, mehr als jeder zweite Deutsche, lehnt Asylbewerber ab! Nicht aufgrund schlechter Erfahrungen, sondern weil ein Ablenkungsmanöver funktioniert.

Das Ganze hat auch eine europäische Dimension: In den letzten 3 Jahren gab es geschätzte 10.000 Tote im Mittelmeer. Rechtspopulisten verschiedener Länder haben eine gemeinsame europäische Flüchtlingshilfe verhindert – und Seenotrettung kriminalisiert.

Rassismus ist Menschenfeindlichkeit, und diese führt zu Gewalt. Das kennen wir.

Ein Blick in die brandenburgische Polizeistatistik besagt: Im Jahr 2018 wurden 5 Prozent mehr rechtsextreme Straftaten registriert, insgesamt 1.562 Fälle, das sind mehr als 4 Fälle am Tag! Dazu gab es 123 rechtsextreme Gewaltdelikte, in der Mehrzahl rassistisch motiviert. Und es gibt viele, die schweigen.

Es gibt eine Sache, die ich wirklich nicht verstehen kann:

In Jamlitz und in Lieberose wurden so viele Menschen gequält und ermordet. Noch wurden nicht alle Massengräber entdeckt und nicht alle Leichen geborgen. Der Boden ist blutgetränkt.

Familien, die in Brandenburg wohnen, auch hier, haben in den allermeisten Fällen Fluchtgeschichten hinter sich. Gerade nach dem Krieg kamen viele aus dem Osten hierher. Diese Familien haben Erfahrungen mit Ausgrenzung, mit Gewalt und Tod. Wie kann es sein, gerade wenn man seinen Großeltern zugehört hat, dass hier in Jamlitz und Lieberose bei der Bundestagswahl 2017 die AfD mit weit über 30 Prozent stärkste Partei geworden ist?

Vor wenigen Wochen habe ich wie in jedem Jahr am Gedenken an die Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück teilgenommen. Schülerinnen und Schüler aus Templin haben dort eine Zeit verbracht und sich mit dem Gedenken beschäftigt, haben gemeinsam Überwuchertes freigelegt. Sie konfrontieren sich mit der Geschichte.

Und sie helfen mit ihren jeweiligen Fähigkeiten, die Gedenkstätte zu erhalten und zu erweitern. Sie sind alle im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Warum machen sie das? Einer sagte: "Ich will nicht, dass Gras über die Geschichte wächst." Und er meinte es genau so doppelsinnig. Er will nicht, dass die NS-Diktatur vergessen wird. Und er will nicht, dass die Gedenkstätte überwuchert wird. Für diesen Sommer sind weitere Arbeiten von Jugendlichen geplant.

Ich habe eine Patenschaft für die 19jährige Lotta übernommen, die im Rahmen von Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste ein Jahr ehrenamtlich in einem israelischen Frauenhaus arbeitet und daneben auch ganz praktisch Shoah-Überlebende im Alltag betreut. Das alles sind Jugendliche, die sich sagen: "Nie wieder!"

Diese Jugendlichen und wir heute hier haben keine Schuld an der Vergangenheit. Aber wir alle sind verantwortlich für das was ist und für das was wird. Nicht irgendjemand, sondern Sie und ich.

Wer aus der deutschen Geschichte nur irgendwas gelernt hat, sollte wissen: Hitler kam nicht an die Macht, weil die NSDAP so stark war, sondern weil die Demokratinnen und Demokraten zu schwach waren. Millionen Jüdinnen und Juden wurden auch deshalb ermordet.

Es liegt an uns, die Erinnerung und die Auseinandersetzung damit in die Zukunft zu tragen. Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus muss zur politischen Bildung gehören. In Zeiten, in denen es an Mitgefühl und Respekt fehlt und Rassismus alltäglich ist, reichen Rituale und Professionalität nicht aus. Es ist an uns allen, uns gegen das Klima der Ausgrenzung, des Rassismus und der Gleichgültigkeit zu stellen. Das NS-Regime war deshalb möglich, weil sich nicht genug Menschen den ersten Anzeichen der Verrohung entgegenstellten.

Wir sind den Opfern der nationalsozialistischen Gräueltaten auf immer verpflichtet. Egal ob Frauen oder Männer, ob Deutsche oder Angehörige anderer Nationalitäten, egal ob jüdische Bürgerinnen und Bürger oder Widerstandskämpfer, ob Homosexuelle oder Andersdenkende - sie alle wurden ihrer Freiheit beraubt, erniedrigt, geschlagen oder ermordet.

Ihr Vermächtnis müssen wir täglich aufs Neue bewahren: Indem wir für Demokratie und Freiheit, gegen Nationalismus und Rassismus eintreten. Rechtspopulistische Bewegungen, die die Werte der Menschlichkeit zu untergraben drohen, die NS-Verbrechen umdeuten und abschwächen, diesen Bewegungen müssen wir uns mit aller Entschiedenheit entgegen stellen.

Damit nie wieder Familien nach ihren ermordeten Angehörigen suchen müssen. Jahrzehntelang die Ungewissheit. Und dann ein Urnengrab im fremden Lieberose, fernab der Familie. Immer verbunden mit den schrecklichen Gräueln der Nazi-Zeit. Ich habe größten Respekt davor, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben.

Und wir haben noch mehr zu tun: Sie sehen es selbst: Der Zahn der Zeit hat an der Gedenkstätte genagt. Der heutige Zustand ist kein Sinnbild für den Zustand der Erinnerung und Mahnung. Dennoch: Dringend ist eine Sanierung der Anlage notwendig. Ich bin dem "Verein zur Förderung der Antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätte Lieberose" um Peter Kotzan und seine Mitstreiter persönlich sehr dankbar, dass er sich seit Jahrzehnten so sehr für diese Gedenkstätte und für die hier ermordeten Häftlinge und ihre Familien engagiert. Sie haben viel recherchiert, viele individuelle Schicksale erforscht und Gedenken ermöglicht.

Inzwischen haben viele die Bedeutung dieser Gedenkstätte erkannt. Gemeinsam werden wir sie erhalten, auf weitere Nachforschungen drängen, Angehörige einladen, um am Ende möglichst allen Ermordeten ihren Namen zurückzugeben.

Es geht auch um eine neue Erinnerungskultur, die ohne Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auskommen muss. Eine Erinnerungskultur, die die Schicksale persönlich erzählt. Ein Gedenken und Erinnern im Kleinen, also in den Familien, den Kitas und den Schulen, damit ein "Erinnern im Großen", in der Politik, gelingt. Es geht darum, alle Bevölkerungsschichten zu erreichen. Es geht um zeitgemäße Vermittlungsformate und neue Zugänge.

Ein Bewusstsein zu schaffen für das, was geschehen ist und wie das geschehen konnte. Wie konnte es passieren, dass unschuldige Menschen systematisch eingesperrt, gefoltert und getötet wurden? Wie konnte diese Entsolidarisierung passieren, diese Spaltung der Gesellschaft? Wie können wir diesen Tendenzen heute entgegenwirken? Denn wir erleben das wieder - im Mittelpunkt stehen heute Menschen aus anderen Ländern, die in Deutschland Schutz und Hilfe suchen. Ich wünsche mir, dass künftig viel mehr Menschen auch aus der Nachbarschaft den Weg hierher finden. Nicht zuletzt im Namen ihrer Großeltern.

Vielen Dank!